5/08/2017

Permakultur: Nahrung vermehrt sich, wenn man teilt



»Dann kann man ja gar nichts mehr essen«, hört man immer wieder von Fleischessern, wenn sie auf Veganer oder Vegetarier stoßen. Die Vorstellung, dass die Auswahl an fleischloser Nahrung recht klein ist, haben aber nicht nur Fleischesser. Auch viele Gemüseliebhaber wissen nicht, welch ungeheure Vielfalt die Natur hervorbringt bzw. mal hervorbrachte, denn viele Gemüsesorten gibt es mittlerweile schon gar nicht mehr. Warum der Mensch so vieles ausgerottet hat, liegt nicht nur an seinem Sinn für zählbare Ordnung, sondern auch an seiner Idealvorstellung, lieber von wenigem sehr viel als von vielem wenig zu bekommen. Wobei Vielfalt ja nur bedeutet, dass es von einer einzelnen Sorte weniger gibt. Die Menge der Nahrung insgesamt erhöht sich, wenn man Vielfalt zulässt. 


 

Heute setzt die Agrarindustrie auf Monokulturen, die zunehmend in die Kritik geraten, da die Böden durch einseitige Bepflanzung auf Dauer auslaugen. Aber auch weil der übermäßige Einsatz von Düngemittel und Pestiziden den Boden vergiftet. Dazu kommt, dass Pflanzen häufig nicht mehr widerstandsfähig sind und nicht durch eigene Kraft überleben, sondern mit chemischen Mitteln am Leben gehalten werden. Es gibt Menschen, die diese Nahrung daher als tote Nahrung betrachten, die keine Nährstoffe, sondern im Gegenteil eher Giftstoffe liefert. Aber wie kultiviert man Gemüse ohne Gift? Wie hält man Krankheiten und Ungeziefer davon fern? Eine Richtung in der ökologischen Landwirtschaft, die diesen Weg geht, nennt sich Permakultur und bedeutet ganz einfach: leben und leben lassen.





Permakultur lehrt Nachhaltigkeit und Respekt vor dem natürlichen Lebenskreislauf. Statt Konkurrenten, die als Unkraut oder Ungeziefer bezeichnet werden, zu bekämpfen, gönnt man ihnen einfach ihren Anteil und versucht, durch Mischkulturen die Pflanzen zu stärken, damit man selbst auch seinen Anteil bekommt. Dafür benötigt man keine Giftstoffe, die Pflanzen, Boden und Mensch schädigen. Denn jede Pflanze besitzt eine Eigenschaft, die einer anderen Pflanze helfen kann, sich gegen Krankheiten oder Insektenbefall zu schützen. Knoblauch beispielsweise vertreibt Erdbeermilben und ist damit ein guter Nachbar auf dem Beet der Erdbeeren. Man muss aber auch bereit sein »abzugeben «, und zwar an Tiere bzw. an die Natur. Denn was auf der Welt existiert, gehört nicht dem Menschen allein, so die Philosophie. Er muss wieder lernen, diese eine Welt mit anderen Lebewesen zu teilen. 

 



Die konventionelle Landwirtschaft verfolgt dieses Ziel nicht, denn mit der Permakultur hat man nur den halben Ertrag, das halbe Geld, mehr Arbeit und mehr Frust. Das Paradoxe daran: Auch von der konventionellen Landwirtschaft kann man heute kaum noch leben. Aufgrund der hohen Produktionsmengen sinken die Preise. Damit die Bauern und ihre Höfe überleben und weiter produzieren können, muss ihnen geholfen werden. Eigentlich kommt man aus diesem Teufelskreislauf nur raus, wenn man teilt, auch wenn dann weniger für einen selbst bleibt. Jedoch: Von gesunder Nahrung braucht der Mensch grundsätzlich viel weniger – und weniger
Nahrung bedeutet in diesem Fall sogar mehr Nährstoffe.

Von jungen Bauern und altem Gemüse. Zu Besuch bei Harald Gasser (http://www.aspinger.com/de/) Auszug aus dem Reisekochbuch 'ITALIA - Das Beste aus allen Regionen' 






Kapuzinerkresseblüten mit Ziegenkäse und gerösteten Erdmandeln
von Harald Gasser


Für 4 Personen
Zubereitungszeit 20 Minuten


1 Handvoll Erdmandeln
120 g Ziegenfrischkäse
12 Kapuzinerkresseblüten


Die Erdmandeln fein hacken und in einer Pfanne ohne Fett
leicht anrösten. 1 TL Ziegenfrischkäse mittig in jede Blüte
geben und mit den gehackten Erdmandeln bestreuen. Die
Kapuzinerkresseblüten als Vorspeise servieren.


Abbinamento consigliato: Eisacktaler Kerner




Mehr zu Harald Gasser  und weiteren Rezepten:
'ITALIA - Das Beste aus allen Regionen' 

http://www.aspinger.com/de/
#biodiversity #sortenvielfalt #artenvielfalt #permakultur 


12/22/2016

Die vielen Panettoni der Familie La Porta.

 

In  »La Pasticceria La Bomboniera« von Gaetano La Porta werden  ganz typische dolci aus Friaul Julisch Venetien hergestellt, die in der Regel einen Österreichisch-Ungarischen Einfluß aufweisen. Z.B. Pischinger, Linzer, Sacher, Dobos, Putizza, Presnitz, Pinza, Rigojanci …
Während  meines Besuches im Dezember 2015 für mein Kochbuch 'ITALIA - Das beste aus allen Regionen'  konnte ich sie aber auch bei der Herstellung des berühmtesten Weihnachtsgebäck Italiens beobachten: nämlich dem Panettone.

Weihnachten (und auch Silvester) ohne Panettone ist in Italien eigentlich unvorstellbar. Wer einen Panettone nachbacken will, findet ein sehr gutes Rezept in meinem Backbuch 'Dolci italiani'. Wer gerne aber etwas von  »La Pasticceria La Bomboniera« nachbacken möchte, findet in meinem neuen Kochbuch ITALIA zwei Rezepte, die mir die Familie La Porta für mein Kochbuch mitgegeben haben, z.B. Putizza triestina.




 


Gaetano La Porta beim Wenden des Panettone. Dieser muß kopfüber abkühlen, um nicht einzusacken.


Pasticceria »La Bomboniera« | La Porta Gaetano | Via Trenta Ottobre 3, 34122 Trieste

12/08/2016

Statt Nikolaus und Schokolade, Immacolata Concezione und Mandorlato!



Am heutigen Tag wird in Italien die Immacolata Concezione, also die Mariä Empfängnis gefeiert. Dieser Tag darf zu Hause verbracht werden, denn er gilt italienweit als ein gesetzlicher Feiertag. Gleichzeitig haben auch alle, die Concetta oder Concetto heißen oder auch nur so wie ich die Verniedlichung der jungfräulichen Empfängnis "empfangen" haben, also Cettina oder Cettino heißen, Namenstag. Im laufe des Tages klingelt auch mit Sicherheit  mein Telefon und Mamma wird mir wie jedes Jahr gratulieren. Nicht weil wir so gläubig sind, sondern weil dieser Tag in Italien groß gefeiert wird und man automatisch an den Namenstag erinnert wird. Während man in Deutschland sehnsüchtig auf die Schokolade des Nikolaus am 6.12. wartet, wartet man in Italien auf die dolci am Tag der Mariä Empfängnis am 8.12. Den Nikolaus kennt hier niemand (sein Pendant ist viel mehr die Bafana, die allerdings erst in der Nacht vom 5.Januar auf den 6.Januar den Kindern Geschenke mitbringt). Süß wird es am heutigen Tag z.B. auch mit Mandeltorrone, der im Veneto, speziell der aus Cologna Veneta in der Provinz Verona, auch unter dem Namen Mandorlato bekannt ist. Der Mandorlato wird vor allem im Dezember zum Festtag der Immacolata Concezione (Mariä Empfängnis) hergestellt und mit einem eigenen Fest in Cologna Veneta vom 8.12 bis 11.12. gefeiert.

Mehr über die Erfinder des Mandorlato erfahrt ihr in meinem Backbuch : 'DOLCI ITALIANI' aus der Edition Fackelträger. Dort findet ihr auch das zwar zeitlich aufwendige aber sehr gelingsichere Rezept dazu.

 





11/23/2016

Frittierte Weihnachtsrosen aus Apulien!


"Cartellate oder Carteddàte, wie sie auch in Bari genannt werden, sind ein typisches Weihnachtsgebäck aus Apulien. Ihre außergewöhnliche Form soll mal an die Tücher, in denen das Jesuskind in der Krippe gewickelt war, mal an den Heiligenschein, den das Jesuskind umgab, und mal an die Dornenkrone während der Kreuzigung erinnern. Schon Tage im Voraus werden sie von den Frauen für das Weihnachtsfest in großer Anzahl gebacken. Jede Familie hat dabei ihr ganz eigenes Rezept. Einige backen sie im Ofen, andere frittieren sie, einige überziehen sie am Ende mit Vincotto bzw. mit Cotto di fichi und andere wiederum mit Honig. Aber eines machen sie alle gleich: Sie essen sie immer kalt."

 


Auch wenn diese frittierten Rosen schwierig aussehen, so schwierig sind sie gar nicht in der Zubereitung. Allerdings braucht es ein bißchen Fingerspitzengefühl, um die Öffnungen im Teig, in denen dann der Sirup fließen soll, gleichmäßig zu formen. Das Rezept für den Teig  findet ihr in meinem Backbuch DOLCI ITALIANI aus der Edition Fackelträger. Die Fotos, die die Zubereitung ein bißchen näher veranschaulichen, findet ihr jetzt hier auf meiner Seite:








10/24/2016

Zeit für ein ein Paar dicke Socken und ein paar selbstgemachte Cantucci...


Wenn der Sommer uns verlässt, ist dies noch lange kein Grund, traurig zu werden, denn nun kommt doch die gemütlichste Zeit des Jahres! Es ist die Zeit, um sich zu Hause einzukuscheln und alle Keksdosen zu plündern! Diese wollen aber erst natürlich noch gebacken werden. Zeit also auch in meinem Backbuch 'Dolci italiani' zu blättern und sich vielleicht sogar  an einen Panettone von Seite 132 heranzutrauen. 




Wer sich an das Rezept im Buch hält, wird ein tolles Ergebnis erhalten, wer sich aber keine 3 Tage Zeit nehmen möchte (denn die braucht es, um einen guten Panettone herzustellen), der kann  auch  andere genauso beliebte italienische Dolci backen, die wesentlich schneller gehen und auch als Geschenk für Weihnachten eine schöne Idee sind. Zum Beispiel Cantucci. Mein Rezept mit Mandeln, Pinienkernen, Zitrone, Anis, Nelken und Fenchelsamen findet ihr am Ende des Postings.




Cantucci gibt es mittlerweile in unzähligen Variationen. Sie werden traditionell mit Mandeln zubereitet, können aber z. B. statt mit Mandeln mit Pistazien, Schokolade oder Cranberrys variiert werden. Cantucci sind sehr rustikale Kekse aus der Toskana, die mit einem Vin Santo serviert werden in den man sie vor dem Genuss tunkt. Erfunden wurden sie um 1858 herum vom pasticcere Antonio Mattei aus Prato. Daher werden die Cantucci auch „Biscotti di Prato“ genannt. Einer Zubereitungstradition zufolge sollten die Mandeln für die Cantucci weder geschält noch geröstet werden. Sowohl Amaretti als auch Cantucci sind so bekannt, dass man sie in jedem Supermarkt findet. Aber eigentlich lassen sie sich auch zu Hause sehr einfach selbst backen und schmecken dann sogar noch einen Tick besser!

Cantucci

• 2 Eier
• 120 g Zucker
• 180 g Mehl
• 6 g Backpulver
• 1 Prise Salz
• 1 Msp. Gewürznelkenpulver
• 1 Msp. Anispulver
• 1/2 TL Fenchelsaat
• 1 EL Sonnenblumenöl
• abgeriebene Schale von 1 Bio-Zitrone
• 100 g Mandelkerne
• 20 g Pinienkerne
• 20 g Mandelsplitter
• 1 EL Milch




Die Eier trennen, 1 Eigelb beiseitestellen. Eiweiß und Zucker verquirlen. In einer Schüssel Mehl, Backpulver, Salz und Gewürze vermischen. 1 Eigelb, Eischnee und Sonnenblumenöl dazugeben und alles gut verkneten.
Zitronenschale, Mandeln, Pinienkerne und Mandelsplitter untermischen. Den Teig 30 Minuten abgedeckt kalt stellen.

Den Backofen auf 190 °C Ober-/Unterhitze vorheizen. Ein Backblech mit Backpapier belegen. Den Teig zu einer 6–7 cm breiten, länglichen Rolle formen und auf das Blech legen. Das übrige Eigelb mit der Milch verquirlen und die Rolle damit bestreichen, diese dann ca. 25 Minuten im vorgeheizten Ofen backen. Abkühlen lassen und schräg in 1 cm dicke Scheiben schneiden. Die Cantucci mit der Schnittfläche auf einen mit Backpapier belegten Ofenrost legen und bei 140 °C in weiteren 20 Minuten goldbraun backen. Auskühlen lassen und in einer Gebäckdose aufbewahren.



8/19/2016

Mit dem Geisterzug in die Toscana zu einer außergewöhnlichen Trattoria!



In Florenz angekommen nehme ich den Regionalzug nach Arezzo, steige jedoch bereits nach 46 Minuten wieder aus. Von hier aus muss ich einen Zug der regionalen Eisenbahngesellschaft TFT (Trasporto Ferroviario Toscano) suchen, der mich nach Monte San Savino bringt. Ausgeschildert sind aber nur Züge von Trenitalia.Was tun? Ich sehe mich noch suchend um, als unvermittelt tatsächlich ein kleiner klappriger Zug mit wehenden etwas kurz geratenen Gardinen einfährt und auf einem hier endenden Nebengleis ohne Gleisnummer hält. Dieser kleine Zug macht einen auf Geisterzug. Ich steige ein, nehme Platz und fühle mich fast wie in einem Wohnzimmer. Außer mir befindet sich nur noch ein Mädchen im Abteil (und ich vermute im ganzen Zug). Ich kann nur den oberen Teil ihres Hinterkopfes sehen.  Plötzlich geht mir der Film  'Wenn die Gondeln Trauer tragen' durch den Kopf. Während ich hoffe, dass 'es' sich nicht plötzlich wie im Film umdreht,  kommt der Schaffner: Großleibig, kahlköpfig und etwas verschwitzt prüft er meine Fahrkarte. Dann möchte er wissen, wo ich aussteigen will. »In Monte San Savino« antworte ich. Und er fragt lächelnd zurück: »Sind sie Rumänin?« Wäre ich eine Komikfigur, würden sich meine Pupillen zu zwei pulsierenden Fragezeichen umformen. Ich schaue ihn verwundert an und verneine. Er schämt sich und macht sich -ein bißchen verschwitzter als zuvor- schnell davon. Ja, kleiner Zug, du bist schon ein ganz großer Geisterzug! 


  
Als ich in Monte San Savino aussteige, steht Paolo schon am Bahnsteig. Die Freunde Paolo Traversari und Cristina Bindi führen die kleine Trattoria »Le Bindi. Bottega di cuoco« im historischen Zentrum von Monte San Savino. Das besondere an ihrer Trattoria ist, dass darin anstelle von mehreren kleinen ein großer Holztisch steht, um den herum bis zu 20 Gäste Platz finden. Ein romantisches Dinner for two ist hier schier unmöglich. Wenn man aber allein kommt, hat man umgehend 19 neue Bekannte. [...]

Wer meine neuen Bekannten wurden, was ich dort alles gegessen habe und warum Le Bindi eine Trattoria und kein Restaurant ist, erfahrt ihr in meinem neuen Kochbuch ab September: ITALIA- Das Beste aus allen Regionen. Vorbestellbar ist es aber schon ;)







8/03/2016

Veneto & Friuli. Wenn zwei sich um den Tiramisù streiten, freut sich ...



Der Kampf um den Tiramisù geht in die nächste Runde.  Im Mai 2016 publizierte das italienische Verlagshaus Giunti  ein Buch, das für Italien schon mal das Zeug zu einer Staatsaffäre haben kann. In diesem Buch geht es um den berühmtesten dolce al cucchiaio, dem Tiramisù, der seit seiner Erfindung oder besser gesagt, seit seinem Erfolg zwischen zwei Regionen, nämlich Veneto und Friuli-Venezia Giulia hin und her gezerrt wird. Die leidige Frage „Wer hat´s erfunden?!“ bekam von einem Kommentator die beste Antwort: „E' siciliano.punto.“ (Er kommt aus Sizilien. Punkt.) Das wiederrum fand nur ich witzig, denn der Kommentator erhielt dafür schnell einen Daumen runter. Späße sind hier nicht angebracht. Die Lage ist nämlich sehr ernst. Dabei kommt der Marsala, der als der passendste Likör für den Tiramisù gilt, tatsächlich aus Sizilien. Wenn zwei sich streiten … und so weiter.



Aber zurück nun zu den zwei Hauptakteuren, nämlich Veneto und Friuli-Venezia Giulia. Veneto (auf Deutsch Venetien/Venezien) sollte man nicht mit Venezia (Venedig) verwechseln. Venezia  ist nur die Hauptstadt der Region Veneto. Venetien/Venezien heißt also auf Italienisch nicht Venezia, sondern Veneto. Da dies oft verwechselt wird, passiert es, dass der Tiramisù plötzlich aus Venedig kommt.  Weil sich aber schon genug Städte um den Tiramisù streiten, sollte man Venedig da lieber raushalten. Es reicht ja wenn sich Treviso (eine Stadt im Veneto) mit  zwei weiteren Orten, nämlich Pieris aus der Provinz Gorizia und Tolmezzo  aus der Provinz Udine (beide aus der Region Friuli-Venezia Giulia) um eine Mascarponecreme (die kommt doch eigentlich aus der Lombardei…), die mit Zucker und Eigelb verrührt, mit in Kaffee getränktem Biskuit geschichtet und  dann mit Kakaopulver bestreut und über Nacht gekühlt wird, streiten. Um mehr geht es "eigentlich" nicht. Denkt man.  Aber als dieses Buch im März erschien, brachte es auch den Präsidenten des Veneto Luca Zaia auf die Palme. Er verteidigte recht virtuos die trevigianità des Tiramisùs (Er kommt aus Treviso. Punkt.)!

Das Buch, das die Gemüter erhitzt, trägt den Titel: Tiramisù. Storia, curiosità, interpretazioni del dolce italiano più amato und wurde vom Schriftstellerpaar Clara Vada Padovani und Gigi Padovani  geschrieben.  Clara & Gigi wirken ein bisschen wie das italienische Pendant zu Martina & Moritz.  Gigi Padovani, der wie seine Frau in Alba in Piemonte geboren wurde,  hat neben vielen anderen Arbeiten als Journalist und Autor auch einige kulinarische Bücher zusammen mit seiner Frau Clara herausgebracht. Nach ihrer Recherche fanden sie nun heraus, dass der berühmteste dolce der Welt nicht wie bisher vermutet  im Veneto und zwar in der Stadt Treviso Anfang der 70er Jahre erfunden wurde, sondern schon viel früher, und zwar 1946 in Pieris, einer kleinen Ortschaft in der Kommune San Canzian D'Isonzo. Der  Koch Mario Cosolo Besitzer der Trattoria  „Al Vetturino“  kreierte eine Süßspeise, die er  dann "tireme su" nannte.  

Seine Tochter Flavia Cosolo, die je nach Bericht mal in Miami mal in Friuli-Venezia Giulia lebt und seit Jahren für diese "Wahrheit"  kämpft, ist sichtlich darüber erleichtert, dass durch das neu erschienene Buch ihrem Vater posthum die Ehre endlich zuteil wird, als der größte Dolcierfinder aller Zeiten anerkannt zu werden…und aber auch, sehr daran interessiert ist, das Recht am Rezept zu erhalten.  Das Rezept des  "Tiremesu bisiaco" (was so viel bedeutet wie Tiramisu aus dem Territorium um Gorizia)  ist von ihr unter notarieller Aufsicht schon seit langer Zeit registriert worden. Ihr Vater habe den Tiramisù sogar bereits in den 30er Jahren erfunden. Jedoch enthielt diese Speise gar keinen Mascarpone, weil es zu der Zeit  gar keinen in Friuli-Venezia Giulia gab bzw. nur als Käse aber nicht als Dessertcreme bekannt war.  Stattdessen handelte es sich um ein Dessert aus Zabaionecreme, Sahne mit eingerührtem Kakaopulver, Biskuitteig und Marsala, das dann ihr Vater in einem Glas schichtete und  "Coppa Vetturino" nannte. Das soll  um 1935 herum gewesen sein. Später soll ein Gast beim Verkosten dann ausgerufen haben:  „Ottimo, c’ha tirato sù” („Hervorragend, das hat mich hoch gezogen“).  Deshalb änderte ihr Vater ab 1946 den Namen des Desserts in "tireme su" um.
Zwar war der Name geboren, aber das Dessert, wie wir es heute kennen, war es eigentlich noch  nicht. Es erinnert eher an eine Version der Zuppa inglese. Erst 1951 kam dann der Mascarpone in den Tiramisù hinzu und hieß fortan "tirimi su"  oder auch "dolce tirami su". Dies soll jedoch die Idee  der Köchin Norma Pielli aus Tolmezzo des Restaurants "Albergo Roma" gewesen sein. Nach Aussage eines damaligen Koches kannten sich beide Restaurants. Das Rezept von Mario Cosolo wurde vom Restaurant Albergo Roma (nicht unbedingt zur Freude von Mario Cosolo) "übernommen" und weiterentwickelt.

Dieser kulinarische Krieg zwischen Veneto und Friuli-Venezia Giulia war mir bekannt und ich hatte den Tiramisù während meiner Arbeit an meinem Buch „Dolci italiani“ sogar zuerst in die Region Friuli-Venezia Giulia eingeordnet, aber alles, was bis vor dem Mai 2016 bekannt war, war nicht ausreichend belegt um Friuli-Venezia Giulia als die Erfinderregion zu erwähnen. So habe ich mich letztendlich nach Auswertung meiner Recherchen für die Version aus dem Veneto entschieden mit Roberto Linguanotto und Ada Campeol aus dem Restaurant  „Alle Beccherie” in Treviso als die Erfinder dieser Süßspeise.



Aber auch Clara Vada Padovani und Gigi Padovani  scheinen sich nicht ganz auf nur eine "Wahrheit" festlegen zu wollen und veröffentlichen in ihrem Buch alle ihnen bis heute bekannten und  authentischen Originalrezepte des Tiramisùs. Bisher sind es vier Rezepte. Zwei davon kommen aus dem Veneto, beide aus der Stadt Treviso und zwei aus Friaul. Den „Tireme su”  von Mario Cosolo, den „Tirimi su”  bzw. „dolce Tirami su”  von Norma Pielli, den „Tiramesù“ von Roberto Linguanotto und  Alba Campeol  und  den Tiramisù von Speranza Bon, der Inhaberin des Restaurants  „Al Camin“  in Treviso, die ihre Süßspeise jedoch „Coppa Imperiale“ nannte und Mitte der 50er Jahre erfand.

So wie es viele Originalrezepte gibt, so gibt es auch viele Behauptungen. Clara & Gigi sind nicht die einzigen, die den wahren Erfinder des Tiramisùs ausfindig machen wollten. Die erste Erwähnung dieser Süßspeise, so wie wir sie heute kennen (Mascapone, Eigelb, Zucker, fertigen Löffelbiskuit, Kakaopulver, Kaffee, allerdings ohne Likör) findet man in einem Bericht  von 1981 im Magazin "Vin Veneto.  N.01". Giuseppe Maffioli verfasste diesen Artikel und legte Roberto Linguanotto als den Erfinder fest.

Soviel nun zu den neuen Erkenntnissen zum Weltstar, den jeder sein eigen nennen möchte.

Die letzte Frage aber lautet:  ab wann kann man behaupten der Erfinder einer Sache zu sein, in diesem Falle nun des Tiramisùs? Wenn man Zucker mit Eigelb mischt? Wenn man Zucker und Eigelb mit Mascarpone mischt? Wenn man diese alte Bauernspeise, die sich „sbatudin“ bzw. „sbattutina“ nannte, dann mit in Kaffeegetunktem Biskuit schichtet? Wenn man statt selbstgebackenen Biskuit, fertige Löffelbiskuits verwendet? Oder erst, wenn man alle die Zutaten verwendet, die man heute im Tiramisù kennt, die ihn doch erst vollendet haben, ihn damit doch erst zu dem gemacht haben, was ihn heute ausmacht und  berühmt gemacht hat?  Die Antwort lautet bestimmt:   „E' siciliano.punto.“.

 


Nach dem Originalrezept von Roberto Linguanotto kommt in ein Tiramisù kein Eiweiß, keine Sahne und auch kein Likör hinein. In meinem Tiramisù habe ich zwar auch kein Eiweiß verwendet, dafür aber Sahne und Likör, vorzugsweise Marsala. So gesehen ist dieser Tiramisù eine Symbiose aus dem Rezept von Roberto Linguanotto aus dem Veneto und dem Rezept von Mario Cosolo aus Friuli-Venezia Giulia geworden.


Tiramesù
Tiramisù

Edition Fackelträger, 2016

Für 4 Portionen
Zubereitungszeit: 30 Minuten
Kühlzeit: 12 Stunden

100 ml Espresso
50 g brauner Zucker
4 EL Marsala oder Amaretto
3 sehr frische Bio-Eigelb
70 g Zucker
400 g Mascarpone
200 g Sahne
1 Pck. flüssige Vanille
200 g Löffelbiskuits
2 EL ungesüßten Kakao zum Bestäuben

Den Espresso zubereiten und noch heiß mit dem braunen Zucker vermischen. Abkühlen lassen und dann den Marsala untermischen.

Die Eigelbe mit 50 g Zucker hellschaumig aufschlagen. Den Mascarpone unter die Eiercreme rühren. Die Sahne mit der flüssigen Vanille etwas aufschlagen, den restlichen Zucker einrieseln lassen und steif schlagen.

In einer rechteckigen Form die Hälfte der Löffelbiskuits nebeneinander ausbreiten und mit der Hälfte des Kaffees beträufeln.

Dann die Hälfte der Mascarponecreme darübergeben und glatt streichen oder die Creme in einen Spritzbeutel mit Tülle füllen und aufspritzen. Die restlichen Löffelbiskuits nebeneinander darauf ausbreiten, mit dem restlichen Kaffee beträufeln und mit der restlichen Creme bedecken.

Die Sahne in einen Spritzbeutel geben und kleine Tupfer obenauf spritzen. Zum Schluss mit dem Kakaopulver bestäuben. 

Den Tiramisù mindestens 5 Stunden, besser sind 12 Stunden, im Kühlschrank kalt stellen.